Rationale Bewertung der SARS-CoV-2 Varianten

SARS-CoV-2 Varianten: Unsere Risikoeinschätzung

  • Es besteht kein Grund, die SARS-CoV-2 Bekämpfungsstrategie oder spezielle Schutzkonzepte wegen der anteilmäßigen Zunahme der B.1.1.7 Variante oder anderer Varianten jetzt zu verändern.
    • Eine gering höhere Übertragbarkeit hatte bis jetzt keine substanzielle Auswirkung auf den Bekämpfungserfolg (Irland, England, Dänemark).
    • Die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer erhöhten Sterblichkeit wird durch NERVTAG  als weniger als 50% eingeschätzt. Auf jeden Fall würde sie weiterhin auf sehr niedrigem Niveau bleiben.
    • Erhöhte Infektionsraten bei Kindern liegen nicht vor.
    • Die mRNA- und der Impfstoff von AstraZeneca sind wirksam gegen B.1.1.7.
  • SARS-CoV-2 Varianten werden in Deutschland genau wie auch in anderen Ländern schnell einen höheren Anteil am Infektionsgeschehen erlangen.
    • ABER eine anteilmäßige Zunahme von B.1.1.7 bedeutet nicht, dass die Fälle auch zwingend absolut zunehmen müssen.
    • Besonders schnell wird die Variante B.1.1.7 dominant bei starkem Anstieg der Fälle.
    • Bei horizontalem Inzidenzverlauf wird sie langsamer zur vorherrschenden Variante werden.
  • Grenzschließungen werden keine oder nur unbedeutenden Einfluss auf die Präsenz der Variante haben.
  • Die mRNA-Impfstoff-Wirksamkeit könnte sich erst mit dem Auftreten von escape-Mutanten reduzieren. Die sehr hohe Wirksamkeitsmarge und das erzeugte breite Immunspektrum stellen einen großen Sicherheitspuffer dar, wodurch ein Up-date erst später zu erwarten ist.

Dringende nächste Schritte

  • Risikoeinschätzung von SARS-CoV-2 Varinten (epidemiologisch, klinisch, Impfstoffrelevanz) durch einen unabhängigen Expertenrat
  • Verifizierung in Deutschland der Ergebnisse der Studien in GB zur höheren Infektiosität von B.1.1.7.
    • Das kann nur in Ländern mit niedrigem Anteil der Variante geschehen.
    • Hierfür sind Studienprotokolle und -orte vorzubereiten.
  • Tiermodelle zur Übertragbarkeit untersuchen
  • Informationsaustausch mit Kollegen in UK, Portugal, Süd Afrika, Irland
  • Hersteller müssen einen Routineprozess für die antigene Testung Ihrer Impfstoffe etablieren.
  • Globale Koordinierung der genetischen und antigenetischen Charakterisierung von SARS-CoV-2 Varianten und Empfehlungen für die Impfstoffkomposition.

Was wir wissen

Grundlegendes

  • Mehr als 6000 genetisch unterscheidbare SARS-CoV-2 Varianten wurden bereits gefunden. Diese Zahl wird weiter stetig steigen.
  • Varianten entstehen häufig, erlangen jedoch selten eine regionale Bedeutung über einen längeren Zeitraum. Noch seltener verbreiten sie sich überregional und schließlich weltweit. Danach werden sie durch andere Varianten ersetzt.
  • Die gegenwärtig auftretenden Varianten entstehen durch zufällige Mutationen (im Gegensatz zu den Escape-Mutanten) ohne Selektionsdruck durch bereits immune Personen.
  • Mit zunehmender Immunität in der Bevölkerung steigt die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Escape-Mutanten. Damit ist in Ländern mit sinkender Populationsempfänglichkeit bald zu rechnen.
  • Genetische Unterschiede allein sind nicht relevant zur Risikobewertung. In Laboren muss eingeschätzt werden, wie verfügbare Impfstoffe noch wirken. Durch Feldstudien mit Laborunterstützung wird beobachtet, ob die Varianten relevante Eigenschaften verändern wie z.B. Uebertragungsfähigkeit, Sterblichkeit, Altersgruppenpräferenzen.
  • Variante B.1.1.7 wurde in mehr als 70 Ländern gefunden. Es ist von einer weltweiten Verbreitung mit Zirkulation auf sehr niedrigem Niveau auszugehen. Präzise Angaben liegen nicht vor.

Varianten und ihre Bekämpfung

  • Wie die anderen bereits zirkulierenden SARS-CoV-2 Varianten lassen sie die neueren auch nicht durch Grenzschliessungen o.Ä. an der Verbreitung hindern.
  • Labor und Kohortenstudien in England weisen auf eine erhöhte Übertragunsfähigkeit von B.1.1.7 hin ohne schlüssige Anzeichen für eine geänderte Pathogenität, Altersgruppenpräferenz oder Sterblichkeit.
  • Die Bekämpfung von B.1.1.7 gelingt ähnlich wie bei den bislang kursierenden Viren:
    • In einigen Ländern mit ansteigendem Krankheitsgeschehen (Irland, England, Portugal) hat B.1.1.7 das Krankheitsgeschehen zunehmend dominiert; in anderen spielte B.1.1.7 dabei eine untergeordnete Rolle.
      • In Irland hatte sich im Dezember die Inzidenz fast verzehnfacht, ohne das B.1.1.7 daran wesentlichen Anteil hatte. Erst in den letzten Wochen des Anstiegs der Gesamtfälle ist auch B.1.1.7 prozentual stärker gefunden worden.
      • In England hat sich der B.1.1.7 Anteil gleichzeitig mit dem rasanten Anstieg der Fälle im Dezember stark erhöht.
      • In Portugal wurde ein Trend wie in England beobachtet.
    • Seit Anfang/Mitte Januar nehmen die Fälle in Irland und England stark ab. Gleichzeitig steigt der Anteil von B.1.1.7 weiter stark an.
      • Halbierung in England und 4/5 Abnahme in Irland innerhalb von 2-3 Wochen.
  • Der Schlussfolgerung das B.1.1.7 eine erhöhte Sterblichkeit verursachen soll, wird eine unter 50% liegende Wahrscheinlichkeit attestiert.

Varianten und Impfstoffe

  • Laborversuche bei Biontech und Moderna und AstraZeneca konnten belegen, dass ihre Impfstoffe auch gegen relevante Varianten wirken werden.
  • Die klinischen Studien mit SARS-CoV-2 Impfstoffen von Novavax und Johnson&Johnson deuten auf unterschiedliche Wirksamkeiten in Ländern mit höherem Anteil von neuen Varianten-Viren hin (Süd Afrika, Brasilien, UK im Vergleich zur USA). Allerdings:
    • Ergebnisunterschiede desselben Impfstoffs in verschiedenen Ländern/Regionen sind nichts Unerwartetes
    • Hat der Johnson&Johnson Impfstoff eine vergleichbare Wirksamkeit gegen schwere Covid-19 Erkrankungen von 85% in USA, Lateinamerika, Süd Afrika trotz Zirkulation von verschiedenen Varianten